Druckansicht - Freitag 28. April 2017


Wil wir den Augenblick nicht schmecken, weil wir ihn nicht voll und wirklich und JETZT leben, deshalb werden wir habgierig und süchtig. Weil unser Augenblick nie gesättigt ist, werden wir nie satt.
Richard Rohr
Richard Rohr, OFM - Die zwei Hälften des Lebens: wie haben wir sie bloß so durcheinandergebracht?


unknown Es ist frappierend wie oft in der Geschichte der Menschheit schon festgestellt wurde, dass es auf dem spirituellen Weg eines Menschen mindestens zwei große Entwicklungen gibt. Ich nenne sie den Pfad des Aufstiegs und den Pfad des Abstiegs. Jesus spricht eine deutliche Sprache als er zu Petrus sagt, dass dieser sich zuerst „selbst gürten“ und später, wenn er älter sein würde „von anderen gegürtet werden“ würde (Joh. Kap. 21,18).

 

Psychologen sprechen von der Notwendigkeit, ein Ego entwickelt zu haben bevor man es loslassen kann. C.G. Jung nennt die Aufgabe der ersten Lebenshälfte die „Individuation“ und die „Transzendenz“ jene der zweiten Lebenshälfte. Die Weisheit Indiens besagt, dass ein Mann zuerst Lernender sein und einen Haushalt führen soll und erst später „Waldsiedler“ und Weiser werden soll. Sie alle haben intuitiv etwas erfasst, was wir heute immer mehr als einen entscheidenden Faktor für kulturelles Überleben und persönliche Transformation erkennen. Trotzdem wurde es vom modernen Humanismus großteils vergessen, ja manchmal sogar geleugnet. Wir behandeln Junge Menschen als wären sie Erwachsene und dann lehnen wir die Alten ab weil sie so kindisch erscheinen. Möglicherweise gibt es hier einen Zusammenhang.

 

Ich bin davon überzeugt, dass unsägliches Versagen und Fehlentwicklungen in die Welten psychischer Entwicklung und transformativer Spiritualität Einzug hielten, weil wir die angemessene Abfolge dieser zwei Entwicklungsschritte nicht ausreichend respektierten. Denn damit haben wir sie insgesamt völlig missachtet. Mit der Zeit werden so die Aufgaben, die angemessenen Energien und die Ziele an sich vermischt und durcheinandergebracht. Wenn wir nicht zur Kenntnis nehmen, dass es im Leben zwei große, aber verschiedene Aufgaben gibt, dann bewirken wir damit normalerweise eine rigide Persönlichkeitsstruktur in der zweiten Lebenshälfte, da wir dann immer noch die Regeln des Zusammenhaltens und Einfassens der ersten Lebenshälfte idealisieren. Wir erzeugen damit auch falsche Sicherheit und Selbstüberschätzung bei jungen Männern in der ersten Hälfte ihres Lebens, weil sie zu der Annahme kommen, die Interessen ihrer kleinen Ego-Welt wären endgültige und wichtige Ziele im Leben. Mit den Worten Jesu könnte man sagen, die Alten bauen weiterhin „größere Scheunen“ und werden zu „Narren“ (Luk. 12,18) während sie lebensspendende Mentoren für die nächste Generation hätten werden sollen. Gleichzeitig lehnen die reichen jungen Männer die Herausforderung der Initiation ab: “Verkaufe alles was du hast und verschenke es“ (Luk. 18,22). Dies erscheint einem Jungen, der bloß auf Karriere aus ist und denkt, im Leben ginge es letztlich nur um die Bewegung nach oben, völlig absurd, ja gleichsam idiotisch.

 

Letztendlich haben wir einfach alles umgedreht. Wir erziehen unsere Kinder zu „Liberalen“, die in Freiheit selbst herausfinden sollen wie das Leben zu verstehen ist und sich alleine durchschlagen müssen. Sie suchen dann aber berechtigterweise Grenzen. Um das innere Gleichgewicht zu finden schlägt das Pendel in der Mitte des Lebens ins andere Extrem um und sie werden am Ende zu Materialisten, Nationalisten, Militaristen und extremen Konservativen. Die natürlichen Prinzipien der Entwicklungspsychologie stehen diesem Weg allerdings völlig entgegen, wie uns Pädagogen des gesamten letzten Jahrhunderts gelehrt haben. Wir brauchen einen „konservativen“ Anfang mit klaren Grenzen, Identität, einem Bewusstsein des „erwählt“-Seins, ja sogar das Gefühl etwas Besonderes zu sein, sowie das Bewusstsein innerer Würde. Ich nenne dies gerne die „narzistische Verankerung“, die gute Eltern ihren Kindern mitgeben und die eine gesunde Religion ihren Anhängern mitgibt. Es ist bestimmt der beste Weg für den Anfang, aber keine gute Fortsetzung und sicherlich nicht die Stelle an der der Weise am Ende seines Lebens stehen soll und stehen wird.

 

Wenn wir also in “Weisheit, Alter und Gnade” (Luk. 2,40) wachsen, sollten wir uns dahingehend entwickeln, dass sich mitfühlende, tolerante und vergebende Weltanschauungen vertiefen. Manche assoziieren dies auch mit einer liberalen Geisteshaltung die sich ein „blutendes Herz“ bewahrt. Der dualistische Verstand fällt in der Gegenwart göttlichen Mysteriums und menschlichen Versagens in sich zusammen oder sollte dies zumindest tun. Statt dessen entwickeln sich nicht wenige in der zweiten Lebenshälfte zu reinen Ideologen und Fundamentalisten, die, die fundamentalen Erfordernisse für menschliches und spirituelles Wachstum, traurigerweise nicht erlernt haben. Oft wird auch die Haltung einer Art intellektueller Zurückhaltung und Skepsis eingenommen, die zwar wie liberaler Humanismus aussieht, in Wirklichkeit aber von echtem Mitgefühl und Leidenschaft oder einem lebensförderndem Engagement für diese Welt weit entfernt ist. Wahre Heiligkeit und Weisheit sind dagegen viel tiefer und weiter als rein liberales Denken und in meinen Augen daher keinesfalls gleichzusetzen.

 

Unsere de-konstruierte westliche Kultur ist so verquer, dass wir die klassischen Muster menschlicher Entwicklung tatsächlich völlig umgedreht haben. Kein Wunder, dass es so viele suizidgefährdete und depressive Teenager gibt und so viele unglückliche und verbitterte alte Menschen. Wir sind dafür bestimmt, uns von einem gesunden Konservatismus zu einer gesunden Befreiung eben davon zu entwickeln. Aber wir beginnen mit einem völlig falschen und keine Gewähr gebenden Liberalismus und finden uns wieder mit Menschen die im Alter von 50 Jahren selbstsüchtig und verbohrt sind. Das funktioniert nicht.

 

Stattdessen wäre es, wie der Dalai Lama sagt, notwendig, dass wir “das Gesetz sehr gut lernen, um es dann auch richtig brechen zu können.“ Paulus macht die selbe Aussage mit anderen Metaphern: ”Ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe” (Galater 2,19). Augustinus geht noch einen Schritt weiter wenn er sagt: ”Liebe Gott und tue was du willst.” Wenn wir dieses Gedankengut von Menschen, die wir ja eigentlich bewundern sollten als „liberales Gedankengut“ empfinden zeigt das, wie weit wir in Wirklichkeit von ihrem Denken entfernt sind. Mehr noch, jene Sprache erscheint uns vielleicht sogar als gefährlich, widersprüchlich und wüst statt religiös. Allerdings nur jenen Menschen, die, die Aufgaben der ersten Lebenshälfte noch nicht abgeschlossen haben! Ihnen erscheinen solche Worte wie Häresie, und das sind sie auch – in jenem Weltbild. Aber reife Menschen/ Männer, welche die Werte des zusammenhaltenden Gesetzes verinnerlicht haben, erkennen, dass “der Menschensohn auch Herr ist über den Sabbat” (Luk. 6,5), oder „dass nicht entscheidend ist, ob einer beschnitten ist oder nicht (bzw. entsprechend getauft ist), was einzig zählt ist, dass ein Mensch innerlich erneuert, zu einem völlig neuen Geschöpf wird“ (Gal. 5,15). Das klingt doch fast so als wären sowohl Jesus als auch Paulus als gefährliche Herätiker einzustufen!

 

Wenn die zweite Lebenshälfte an den Beginn des Lebens gesetzt wird, dann begegnen wir alten Männer und Frauen, die immer noch dabei sind selbstbezogene Fragen bezüglich der Bedeutsamkeit ihrer Person und ihrer Wichtigkeit zu stellen. Sie hatten in ihren Jugendjahren keine Grenzen die als Gefäß um ihren Mut und ihren Eifer zu prüfen gedient hätten, und konnten deshalb ihren inneren Wert nicht finden. Gleichzeitig finden wir junge Menschen, deren Sprache eine Arroganz und Selbstsicherheit zum Ausdruck bringt, welche völlig unangemessen ist (Ich bin sicher, dass es dies immer gegeben hat. Allerdings hatten wir früher wohl Ältere, die übermütige Höhenflüge hinterfragten und auf den Boden zurückholten anstatt sie zu verstärken).
Wenn die notwendigen Klärungen der ersten Lebenshälfte in die zweite verschoben werden, entstehen bei den alt Gewordenen statt dessen bloß verkrustete Meinungen, Absolutheitsansprüche, Chauvinismus und Militarismus. Wir bräuchten sie aber für mehr Integrität, innere Weite, einen breiten Horizont, wahre Führungsqualitäten und das „Reich Gottes unter uns“. Wir haben in unserer Welt heute so wenige wahre Staatsmänner weil die meisten von ihnen aus der psychischen Verfassung eines Teenagers operieren, in der es um „je-mehr-desto-besser“ und um Gewinnen oder Verlieren geht. Als Folge davon sind wir alle Verlierer. Sie werden nicht erwachsen weil sie es ablehnen, zuerst „nach unten“ und von dort „nach oben zu wachsen“. Und wir werden nicht erwachsen, weil wir keine authentischen Vorbilder und weisen Ältesten mehr haben.

 

Übersetzt von Nathalie Neukirchner und Michael Josef Egarter


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